Unendlich viel Musik hören – Spotify zerlegt Simfy

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Simfy geht in die Offensive und bietet für GMX und WEB.DE-Nutzer ein exklusives Angebot zum Vorzugspreis von 7,99€ im Monat (sonst 9,99€). Den ersten Monat kann man den deutschen Musik-Streaming-Dienst kostenlos testen. Das klingt nach einer runden Sache, wird aber nicht reichen, um verlorene Marktanteile im wachsenden Musik-Streaming-Markt zurückzugewinnen.

GMX Werbung für Simfy
Quelle:GMX Werbung

Musik-Streaming ist genau mein Ding.

Ich mochte es nie meine CDs zu rippen, in Ordnern zu verwalten und auf alle Player zu schaufeln, mit denen ich eventuell unterwegs sein könnte. An dem Besitz eines Musiktitels war ich nie interessiert und weil ich mich fast immer in der Nähe vom Internet befinde, höre ich Musik meist auf YouTube, Soundcloud und Grooveshark. Als Grooveshark vor den deutschen Lizenzabgaben kapitulierte und starb, hat es in seiner Todesanzeige auf den deutschen Anbieter simfy als Alternative verwiesen. Der erste Eindruck von simfy hat mich nicht überzeugen können. Zu stark roch der gesamte Webauftritt nach Freemium-Modell. Die Aussagen auf der Seite klangen spannend, aber auch nach Registriere dich kostenlos und wir machen aus Dir einen zahlenden Kunden. Okay, das mag ein subjektiver Eindruck sein. Im Grunde hat simfy einen sehr gelungenen und emotionalisierenden Auftritt inklusive viralem Werbevideo, Social Media-Gedöns und was sonst noch dazu gehört. Ich empfand es trotzdem als aufdringlich und ein wenig gezwungen.

Und dann kam Spotify

Im März expandierte der schwedische Musik-Streaming-Service Spotify nach Deutschland und hat mit seinem Gratisangebot den kleinen Kölner Anbieter mächtig unter Druck gesetzt. Weil simfy sich entschloss, oder sich durch GEMA-Abgaben gezwungen sah sein Gratis-Angebot auf 5 Stunden im Monat zu kürzen, fiel meine Wahl auf Spotify. Seit mehr als 4 Monaten bin ich nun registriert und (fast) rundum zufrieden. Das größte Ärgernis ist die häufige und penetrante Werbung. Das muss man wohl bei einem Gratisangebot in Kauf nehmen. Die Betriebskosten für Streaming-Plattformen sind auch ohne die 0,6 Cent GEMA-Abgaben für jeden abgespielten Titel, sehr hoch. Geärgert habe ich mich über die damals noch erzwungene Kopplung des Facebook-Accounts, die in Deutschland jetzt nicht mehr nötig ist. Das Spotify die angehörten Musiktitel in meine Facebook-Timeline schreibt, gehört zum üblichen Selbstverständnis extrovertierter Apps. Das abstellbare Frictionless Sharing-Feature war für das rasante Wachstum bestimmt hilfreich, wenn nicht gar maßgebend. Heute gilt Spotify als zweitgrößte digitale Erlösquelle für die Majorlabels (nach iTunes). Den Erfolg hat Spotify aber nicht der Facebook-Starthilfe, sondern vor allem der sehr guten Anwendung zu verdanken. Mit ihr hat man komfortablen Zugriff auf mehr als 16 Millionen Musiktitel. Durch die Musikwelt reist man per Klick auf Künster- oder Albennamen. Man kann nach „Ähnlichen Künstlern“ suchen, passende Radiosender starten, Playlisten anlegen oder der Musik von Freunden lauschen. Die Suche ist extrem schnell und auch die Streams starten in Bruchteilen von Sekunden. Die Anzeige von besonders beliebten Musiktitel ist hilfreich, um die besten Tracks zu entdecken. Die Liste der Features ist lang, lässt sich aber kurz zusammenfassen: Spotify macht Spass!

searchinterest spotify simfy 2009/01 - 2012/06
Anzahl der Suchanfragen nach „Spotify“ und nach „Simfy“ seit 2009 im Vergleich Quelle:Google Insights

Warum sich Spotify durchsetzt

Nicht nur die Anzahl der Suchanfragen, auch die API spricht eindeutig für Spotify. Mit Hilfe der offenen Programmierschnittstelle wurden tolle Zusatzfunktionen geschaffen. Die 3rd-Party-Anwendungen erlauben bspw. das gleichzeitige Musik-hören mit Freunden (Dropsound) oder die synchrone Darstellung von Liedtexten (TuneWiki).

Das Preismodell ist transparent und fair. Für 4,99€ (UNLIMITED) bekommt man unendlich viel Musik ohne Werbung. Für 9,99€ (PREMIUM) bekommt man vollen mobilen Zugriff per Android, iPhone und iPad-Apps und kann Musik in offline verfügbaren Playlisten speichern, was ein Killer-Feature bei limitierten Datenvolumen oder schlechten UMTS-Signal darstellt.

Ich hoffe, dass simfy sie sich gegen den großen Bruder aus Schweden behaupten wird. Die Vorzeichen dafür stehen derzeit nicht besonders gut. Das schwierigen Umfeld von Musikindustrie, GEMA und Lizenzabkommen, sowie die strikten deutschen Vorgaben zum Datenschutz, schaffen eine ungünstige Ausgangssituation. Folgt man dem Twitter-Account hat man das Gefühl, dass simfy sich mehr um Streaming-Rechte, als um ihre Anwendung kümmert. Der fehlenden API von simfy stehen etliche fertige Spotify-Anwendungen und der omnipräsente Spotify Play-Button gegenüber. Das im Netz genügend Platz für beide Anbieter ist, wage ich zu bezweifeln. Dafür ähneln sich die Angebote zu sehr. Auch der Drang der Masse dorthin zu gehen, wo alle anderen schon sind, spricht gegen simfy. Mit der Einschränkung auf 5 Stunden Gratis im Monat ist simfy für Interessenten, die Musik-Streaming-Dienste erst mal ausprobieren wollen, nahezu uninteressant geworden. Mit teuren Partnerprogrammen wie dem eingangs erwähnten GMX-Angebot kann simfy versuchen kurzfristig neue zahlende Nutzer zu gewinnen, um die Weiterentwicklung des Dienstes zu finanzieren. Langfristig zielführender wäre die Entwicklung einer eigenen API, die es Entwicklern erlaubt Zusatzfunktionen für simfy zu schaffen und aus dem Dienst ein Ökosystem werden zu lassen. In einem Tweet stellt simfy bereits eine API in Aussicht doch dieses Versprechen gibt es schon lange. Das Interesse an simfy nimmt indes weiter ab.

Alexa reach simfy.de
Reichweite von simfy.de laut alexa.com, den letzten Peak dürfte die GMX und WEB.de Kampagne bewirkt haben
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Veröffentlicht von Alexander Esemann

Ich bin Alex, Jahrgang 79 und wohne mit meiner Frau und unseren drei tollen Kindern in Bremen. Hier auf esemann.com schreibe ich über Netzthemen und wie sich die Digitalisierung auf unser gesellschaftliches Miteinander auswirkt. Bei Twitter werfe ich Gedankenfetzen in die Welt. Ich freue mich immer über neue Kontakte, also schreibt mir doch einfach mal.

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