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Warum sprechen wir eigentlich? Wer Worte formuliert, könnte versuchen sich mitzuteilen, ein Empfinden oder einen Wunsch oder seine Meinung zu äußern. So kenne ich das zumindest von meinen Kindern.

Ich will Spagetti!

Das heisst Bitte!

Ich will nicht Bitte, ich will Spagetti!

Klar ist das naiv. Erst durch einen langen Lernprozess begreifen wir, dass man nichts sagen darf, erst rechts nicht das, was man meint!

Das man reden kann, ohne auch nur im Geringsten etwas zu sagen, wird klar, wenn Politiker in der Tagesschau interviewt werden.

Standpunkte und klare Aussagen sind Gift für die eigene Reputation, insbesondere wenn sie nicht allgemeiner Konsens sind. Egal ob sich Obama mit Romney battled, oder ob es um eine schnöde Talkshow im deutschen „Unterhaltungs-Fernsehen“ handelt: Wer sich zu einem festen Standpunkt bekennt, macht sich angreifbar und steht trotz fundierter Recherche und guter Argumentation mit dem Rücken zur Wand. Was nützen mühsam recherchierte Zahlen zum demographischen Wandel, wenn der Gegenüber skandiert man könne doch den Dachdecker nicht noch länger arbeiten lassen oder die allein erziehende Mutter noch mehr in die Rentenversicherung einzahlen lassen – Ratet mal, wer da den Applaus erntet?

Was für die Politik gilt, scheint auch in der Arbeitswelt zu gelten. Insbesondere bei den Managern und „Head Ofs“ scheinen klare Aussagen verpönt zu sein. In Meetings halten sie sich vornehm zurück, bis sie konkret nach ihrer Meinung gefragt werden. Darauf antworten sie weise „Das Tracking der Website ist wichtig um zu erfahren welche Seiten besucht werden.“ oder umsichtig „Bevor wir nicht wissen wie viele Besucher die Webseite hat, können wir uns auch nicht auf eine Tracking-Methode festlegen!“ Involviert zu sein ohne sich einzubringen ist eine Kunst und gehört zwingend in jede Schulung für Führungskräfte.

In der Kultur setzt sich der Trend zum Nichts sagen weiter fort. Xavier Naidoo ist das Parade-beispiel dafür, wie man rein gar nichts sagen braucht, solange man das Nichts in schöne Texte verpackt. Der aktuellen Song Schau nicht mehr zurück mit Kool Savas belegt, dass Weniger oft Mehr ist. Xaviers Texte faszinieren mich immer wieder, weil sie derart wunderschön sind, dass sie ohne jeglichen Inhalt auskommen.

Man muss nicht überall bleiben, man muss nicht immer gehn.
Mann kann nicht vor sich selber flüchten, man kann nur für sich selber stehn.
Und sollte sich vor gar nix fürchten, es gibt keinen Grund nicht nach vorne zu sehn.

Da stockt einem der Atem bei so viel Geist. Worum es in diesem Lied geht weiss ich nicht und ist ja auch egal. Inhalte, Aussagen und klare Entscheidungen sind überflüssig wenn nicht gar hinderlich. Wer Erfolg haben will braucht Deckung und eine undurchsichtige Aura die verschleiert wofür man steht und was man will. Don Michael Corleone (und der muss es wissen) ermahnt seinen ungestühmen Sohn Sonny bei einem Mafia-Meeting:

Lasse niemals jemanden ausserhalb der Familie wissen, was Du denkst!

Kurz nach dem Treffen wird Sonny übrigens erschossen. Versteht mich nicht falsch: Es reicht nicht nichts zu sagen. Bloß sagen sollte man nichts!

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Veröffentlicht von Alexander Esemann

Ich bin Alex, Jahrgang 79 und wohne mit meiner Frau und unseren drei tollen Kindern in Bremen. Hier auf esemann.com schreibe ich über Netzthemen und wie sich die Digitalisierung auf unser gesellschaftliches Miteinander auswirkt. Bei Twitter werfe ich Gedankenfetzen in die Welt. Ich freue mich immer über neue Kontakte, also schreibt mir doch einfach mal.

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1 Kommentar

  1. Es gibt sehr wohl Politiker, Manager und Künstler die ihre Meinung sagen und zu ihr stehen. Das sie dabei polarisieren gehört zu ihrer Aufgabe und ihrer Verantwortung. Wen sollte man auch wählen, wenn Politiker keine Standpunkte vertreten würden. Wer kann Unternehmen steuern ohne eine Richtung vorzugeben? Eine Meinung zu haben und sie zu vertreten ist eine Voraussetzung und kein Hindernis für Erfolg.

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