Kürze und Herrsche: Die Macht der URL-Shortener

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Lange Internetadressen lassen sich dank URL-Shortener leicht in handliche Kurz-URLs umwandeln. Ihre Popularität verdanken Bitly, TinyURL & Co. scheinbar dieser einen simplen Funktion. Doch das wahre Potential der Dienste steckt nicht in gekürzten Links, sondern in den vielfältigen Eingriffsmöglichkeiten, die sich den Betreibern beim Weiterleiten bieten. Einige dieser mächtigen Features werde ich hier beschreiben.

Kurze URLs sind sehr praktisch. Sie sehen besser aus, lassen sich besser abtippen und es passieren weniger Fehler beim Kopieren. Doch das ist nicht der einzige Grund, wieso sich das Kürzen von Internetadressen auf breiter Front durchgesetzt hat.

Jedes Social Network, fast jedes Online-Magazin und immer mehr E-Commerce Portale, Brands und Blogs betreiben mittlerweile eigene kurze Domains wie t.co, fb.me, sp.on, pep.si oder ift.tt.

Die kurzen Vanity Domains schmeicheln nicht nur der Eitelkeit der Betreiber. Sie stärken auch das Vertrauen der Nutzer und die Sichtbarkeit der Marken. Die Umleitung ermöglicht zudem genaue Aufrufstatistiken und vielfältige Eingriffsmöglichkeiten während der Weiterleitung. Nur der Betreiber weiß genau, welche Funktionen der Dienst beim Weiterleiten konkret ausführt. Auch bleibt es ihm überlassen, wie transparent er diese beschreibt und ob und in welcher Weise er seiner Nutzer an den Vorteilen des Dienstes beteiligt.

Twitter Inc. gibt an, der hauseigene Shortener t.co diene zum Messen der Link-Aufrufe und zum Schutz der Nutzer vor gefährlichen Linkzielen.

Erkennt Twitter hinter einem Linkziel eine bösartige Seite, kann der Nutzer gewarnt werden. Das klingt positiv, doch es bedeutet, das Twitter für uns die Entscheidung trifft, was eine gute Webseite ist, und was eine böse Webseite darstellt.

Shortener sind moderne Wegweiser

Shortener sollten besser Redirector Service heißen, denn ihre primäre Aufgabe ist das Weiterleiten der Link-Aufrufe. Das die generierten URLs meist kürzer sind als die hinterlegten Zieladressen, ist fast schon ein Nebeneffekt. Die wirklich wertvollen Funktionen werden nicht beim Kürzen, sondern erst beim Weiterleiten aktiv.

Messung von Linkaufrufen

Die statistische Erfassung, die Analyse und Auswertung der Linkaufrufe gehören zum klassischen Repertoir der Shortener. Einige geben die Statistiken an die Nutzer weiter, Andere behalten diese Statistikdaten für sich.

Durch die Auswertung von ausgehenden Links erfährt Twitter, wie häufig und durch welchen Personenkreis ein t.co-Link aufgerufen wurde. Twitter kann daraus ableiten, welche externen Webseiten und Themen im Netz für bestimmte Personenkreise gerade angesagt sind. Ein Killer-Feature für große Portale mit hohem Outbound-Traffic, also mit mit vielen Nutzern, die das Angebot über gekürzte Links verlassen wie Twitter und Facebook.

Die Analyse von eingehenden Links ist auch für kleinere Websites interessant.

Informationen anreichern

Einige Dienste fügen der Ziel-URL beim Umleiten zusätzliche Informationen hinzu. So könnte ein Shortener / Redirector beispielsweise zu einer ISBN andere passende Bücher finden und deren ISBN in die URL einfügen.
Es gibt vielfältige Einsatzmöglichkeiten für diese Technik. Geo-Koordinaten, Kennung und Spracheinstellung des Browsers oder der ursprüngliche Referrer können ausgelesen und als Parameter an die Ziel-URL angehängt werden.

Katze im Sack

Gekürzte URLs verschleiern die eigentliche Zieladresse. Sie ist aus der gekürzten Fassung nicht mehr ersichtlich. Das kann gefährlich werden. Was steckt zum Beispiel hinter http://abt.cm/1pgKg85? Ein Link zu http://eb.ay/mein-ebay-account könnte Neu-Neuländer und Gelegenheitssurfer in die Irre führen. Gegenmaßnahmen wie die Einblendung einer Linkvorschau konnten sich bisher nicht durchsetzen.

Kurz-URLs machen das Internet kaputt (ein bisschen)

Durch die massive Ausweitung der Shortener und der gekürzen Links sinkt prozentual die direkte Verlinkung zwischen Internetseiten und bringt so das Fundament des Internets ins Wanken. (ein bisschen) Selbst bewährte Metriken wie der Google Pagerank laufen zunehmend ins Leere. Bereits über wenige Links von t.co oder fb.me können massive Nutzerströme wandern, egal wieviele andere Domains die Zielseite sonst noch verlinken und was Google davon hält.Zudem ist nicht garantiert, dass ein Shortener und die damit erstellten Links auf ewig funktionieren. Wenn ein Shortener-Service ausfällt oder geschlossen wird, werden mit einem Schlag alle damit gekürzten Links unbrauchbar. Der einst populäre Dienst tr.im hat die Kurve noch gekriegt, doch früher oder später wird es einen ganz großen Dienst treffen und das Internet geht dann kaputt. (echt jetzt)

Manipulationsmöglichkeiten

Durch die Verschleierung der URL kann das ursprüngliche Linkziel manipuliert oder ganz ausgetauscht werden, ohne das der Besucher etwas davon merkt. Anhand von Kriterien wie Zeitpunkt oder IP-Adresse kann der Shortener-Dienst ein und denselben Shortlink zu unterschiedlichen Zielseiten umleiten. Auch hier sei auf trck.me hingewiesen. Der Dienst erlaubt es gleich mehrere Linkziele für eine Kurz-URL zu hinterlegen. Diese Technik kann helfen, Besucher unter hoher Last auf verschiedene Server zu verteilen, Links zu einer umgezogenen Seite auf die neue Adresse umzuleiten oder, um den Nutzer auf die für ihn beste Version (Device, Sprache) einer Seite zu leiten. Sie schafft aber auch großen Spielraum für Manipulation, Bevormundung und Diskriminierung. Dann etwa, wenn Ziele für bestimmte Gruppen durch die Shortener gar nicht oder nur noch abgewandelt zugänglich gemacht werden.

Kurz-URLs sind nicht per se schlecht oder gefährlich. Bedenklich ist die achtlose Selbstverständlichkeit, mit der wir Kurz-Links akzeptieren und ihnen im wahrsten Sinne blind folgen. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt und machen uns keine Gedanken mehr darum, weshalb URLs gekürz wurden und was beim Aufruf tatsächlich mit und ohne unser Zutun passiert. Die Vorteile der Shortener sind für Online-Anbieter so immanent, dass sie zum selbstverständlichen Rüstzeug jedes Online-Anbieters und (Self-)Marketeers werden. Das ist okay, solange der Einsatz auch für den Internet-Nutzer von Vorteil ist und der Einsatz fair bleibt. Doch davon ist jedoch nicht auszugehen. Egal ob simple A/B-Tests, Personalisierung oder massive Psycho-Studien – Keine Möglichkeit bleibt ungenutzt, den Internet-Nutzer auszuloten und zu manipulieren. URL-Shortener bringen die besten Voraussetzungen dafür mit und die Skepsis fehlt. Auch in meinem privaten Umkreis schert sich niemand um Kurz-URLs. Sie werden nicht einmal wahrgenommen als normale Hyperlinks. Vielleicht ist die Verlockung auf allen Seiten einfach zu groß.

Hierlang gehts zu süßen Kätzchen.